Der geerbte Look (II)

Im vorhergehenden Beitrag haben wir darüber berichtet, dass Stilreinheit in England bei der Einrichtung in vielen Fällen nicht erstrebenswert ist! Sie würde verraten, dass nicht die Zeit bzw. Möbel aus Familienbesitz, sondern ein übereifriger Innenarchitekt das Wohnzimmer und die Bibliothek geprägt hat. Oder noch problematischer, dass man sich alles auf einmal gekauft hat.

Wie fest verwurzelt diese Einstellung in der britischen Gesellschaft ist, veranschaulicht ein kleines Beispiel :

Michael Jopling (Baron Jopling), ein Mitglied des Parlaments, ehemaliger Landwirtschaftsminister und Mitglied des House of Lords, mochte den damaliger Vize-Premierminister , Michael Heseltine, der als sehr ehrgeizig galt, nicht. Was er von ihm hielt tat er in einem legendären Satz kund:

“The trouble with Michael is that he had to buy all his furniture"

Für uns Kontinental-Europäer scheint der Satz auf dem ersten Blick etwas lapidar, aber in England wusste jedermann sofort was gemeint war:

Ein ehrgeizigen Emporkömmling ohne Klasse.

Das Ganze klingt für uns sehr wahrscheinlich sehr snobistisch, aber es ist interessant, wie tief diese Eigenart in der britischen Gesellschaft verwurzelt ist, da dieser Satz sowohl Eingang in Wikipedia (https://en.wikipedia.org/wiki/Michael_Jopling,_Baron_Jopling) sowie in diversen Büchern fand

Ihre mögliche Geschichte:

Sie planen eine Reise nach England, um an einem traditionellen Oldtimertreffen teilzunehmen. Stilbewusst packen Sie typisch britische Utensilien in Ihren Koffer. Und die Jacke? «Na klar, die Wachsjacke von Barbour muss noch mit. Mist, ich habe sie bestimmt eine Ewigkeit nicht mehr getragen, sie ist so unansehnlich geworden und das Auffrischen mit Wachs habe ich auch nie geschafft. Schnell noch eine Neue kaufen…»

pr oldtimer koffer 2015 11

Am Oldtimertreffen in England eingetroffen werden Sie von den Einheimischen direkt als Kontinentaleuropäer identifiziert und gemustert. Sie brauchen dies nicht einmal in Englisch zu thematisieren. Die selbstkritische Frage dazu: «Habe ich mich falsch angezogen?» bringt beim ersten Vergleich keine groben Patzer zutage. Die Engländer tragen die gleichen Sachen.

Und doch, der genauere Blick trifft auf das Offensichtliche: «Eine gewisse Nachlässigkeit – die Engländer tragen meine „unansehnlich gewordene“ Barbour Wachsjacke. Ihre Cordhosen und Schuhe sehen auch schon ziemlich gebraucht aus. Jetzt wird es klar! Sie erkennen auch plötzlich alle anderen «Unwissenden», die nicht aus England stammen. Ihre Kleidungstücke haben kaum Gebrauchspuren und sehen neu gekauft aus. Die Kleidungstücke der Engländer wirken dagegen sehr persönlich, durch eine individuelle Geschichte durch die Jahre geprägt. Eine Barbour Wachsjacke weist deshalb meist noch mehrere Flicken auf und wirkt durch die Aufnäher mehr verschlissen als ordentlich.

Das gleiche Prinzip wird von den Engländern bei der Inneneinrichtung gelebt: Stilreinheit ist nicht erstrebenswert! Sie würde verraten, dass nicht die Zeit, sondern ein übereifriger Innenarchitekt das Wohnzimmer und die Bibliothek geprägt hat. Oder noch problematischer, dass man sich alles auf einmal gekauft hat. Perfektion ist in diesem Fall eher ein Stilkiller und zudem der Gemütlichkeit abträglich. So wählt der Engländer bewusst die Kollision von Stilrichtungen und Farben – sie ist gewollt! Ganz entscheidend für diesen Look sind wiederum die Gebrauchsspuren. Sie dürfen unter keinen Umständen eliminiert werden. Das heisst, dass man mit neuen Einrichtungsgegenständen nicht sonderlich sorgsam umzugehen hat. Erst ein jahrelang oder jahrzehntelang gebrauchtes Chesterfield-Sofa ist wirklich «schön»!

Wenn Sie nicht so lange warten möchten, sorgt der geschickte Polsterer dafür, dass das gute Stück aus Leder bereits beim Ausliefern mit einem mehr oder minder speckigen und gebrauchten Flair versehen wird.

(2015-11-pd) 

 


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